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Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Von Goethe bis Rathenau. Sprache + Eigensinn 2

Artikel-Nr.: 9783960630265

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Kundenbewertungen zu Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Von Goethe bis Rathenau. Sprache + Eigensinn 2

Anzahl der Bewertungen: 1
Durchschnittliche Bewertung: 5
Pflichtlektüre! Wunderbare Auswahl, anspruchsvoll und trotzdem schön zu lesen.
von am 10.09.2021
Wenn ich die beiden Bände in die Hand nehme, erfüllt mich Ehrfurcht und Dankbarkeit. Ehrfurcht vor den Lebensleistungen der beschriebenen Persönlichkeiten, Ehrfurcht und Dankbarkeit gegenüber allen an der Entstehung der beiden Bände Beteiligten. Hier wird Lesestoff von einer Qualität, Intensität und Dichte geboten, die man heute mitunter schmerzlich vermisst. Nachdem der erste Band zu meinem treuen Begleiter in den Abendstunden geworden war, konnte ich das Erscheinen des zweiten Bandes kaum erwarten – und wurde nicht enttäuscht. Es ist ein frommer Wunsch, der wohl kaum in Erfüllung gehen dürfte, aber beide Bände sowie der in Aussicht gestellte dritte Band gehören im Grunde in jeden Haushalt. Gerade jetzt, wo wir uns mit dem Aufeinandertreffen gegensätzlicher Kulturen zurecht finden müssen, kommt dem Verständnis unserer intellektuellen Wurzeln eine enorme Bedeutung zu. Die Ursprünge der eigenen Sprache und Kultur zu kennen und zu verstehen, verleiht uns Halt und Identität in einer immer komplexer werdenden Welt, macht uns stolz auf den ererbten ideellen Reichtum, den wir auch gerne mit Menschen teilen möchten, die bei uns Zuflucht und eine neue Heimat in Sicherheit und Frieden suchen.
Es ist eine wunderbare Auswahl, die getroffen wurde. Die gewählte Struktur, die Bände sozusagen in „Kurzgeschichten“ zu gliedern, erleichtert den Zugang. Man kann sich in aller Ruhe genussvoll Kapitel für Kapitel erschließen und im Geiste erwandern. Die Versuchung, die beschriebenen Orte tatsächlich aufzusuchen, steigt von Zeile zu Zeile. Von Demut und Hochachtung gegenüber den Lebensleistungen der ausgewählten Persönlichkeiten erfüllt, erkennen wir einen tiefgreifenden Wandel. Das Wissen der Welt hat sich derart vervielfacht, dass eine breit aufgestellte Bildung, wie vor langen Zeiten noch üblich, heute eher die Ausnahme darstellt. Die Vielfalt, Umfang und Komplexität alleine auf dem Gebiet der Theoretischen Physik erschwert es heute, sich zugleich den Geisteswissenschaften zuzuwenden, um nur ein Beispiel von vielen aufzugreifen.
Die in einiger Zeit mit erscheinen des dritten Bandes vervollständigte Trilogie „Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland“ ist viel mehr als eine Wanderung durch die Jahrhunderte. Es ist auch eine Einladung, die gebotenen Inhalte und Gedanken zu hinterfragen und mit „Sprache und Eigensinn“ in die Gegenwart und in die Zukunft zu projizieren. Ob es diese Zukunft geben wird? Vernunft im Sinne von Vernünftigkeit ist keine Stärke der Spezies Mensch. Stattdessen greift ein lebensbedrohender Egozentrismus Raum, verbunden mit einem krankhaften Überbewerten der Ratio und einem zerstörerischen Narzissmus.
Mögen die wunderbaren Bände der Literarischen Wanderung durch Mitteldeutschland nicht nur ein ebenso vergnügliches wie anspruchsvolles Lesevergnügen bereiten sondern vielmehr dazu einladen, den Faden aufzunehmen und weiterzuspinnen. Jedes Kapitel bietet dazu eine vielfältige Auswahl. Von hunderten dieser Möglichkeiten möchte ich bei Herder anknüpfen - mit nur zwei Begriffen: Vernunft und Glaube. Trotz dieser Beschränkung auf lediglich zwei Begriffe ist mein Text etwas aus den Fugen geraten, aber es besteht ja die Freiheit, an dieser Stelle mit dem Lesen aufzuhören.
Bei aller Begeisterung für das Schwelgen in der Geschichte stellt sich die bange Frage, was von alledem geblieben, was aus alledem geworden ist. Das literarische Erbe bleibt, das philosophische bleibt Theorie. Die Ideale des Humanismus sind Utopien. Die Unvollkommenheit und Unreife der Gattung Mensch ist zu offensichtlich, aber zugleich auch logisch, denn der Homo Sapiens hatte bisher kaum die Möglichkeit, sich zu einem ethisch orientierten Wesen zu entwickeln. Wenn wir die Erdgeschichte betrachten, so ist der Mensch mit Abstand das Lebewesen mit der kürzesten Evolution. Während sich der Intellekt entwickeln konnte, erkennen wir bei der Vernunft enorme Defizite. Die Bedeutung des Begriffs Vernunft hat sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt. Wenn wir bei Herder und seinen Gedanken zu Vernunft und Glauben ansetzen, müssen wir berücksichtigen, dass Herder Vernunft mit Verstand gleichsetzte, als Fähigkeit des Erkenntnisgewinns durch Denken. Interpretiert man Vernunft hingegen als vernünftiges Handeln, erkennen wir, dass Verstand bzw. Ratio, Logik und Intelligenz mit Vernunft wenig oder nichts zu tun haben. Die Erklärung finden wir in den Neurowissenschaften: Die für die Intelligenz zuständigen neuronalen Strukturen befinden sich in einem anderen Hirnteil als die für Vernunft zuständigen.
Ein Beispiel für das Auseinanderklaffen von Intelligenz und Vernunft liefert aktuell der als bekennender Impfgegner schwer an Corona erkrankte Mainzer Wirtschaftsprofessor Dr. Werner Müller. In „Spiegel TV“ fordert der auf der Corona-Station des Klinikums Darmstadt liegende alle Impfgegner mit brüchiger Stimme auf: „Macht weiter!“
Nur so lässt sich erklären, dass entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und entgegen allen geisteswissenschaftlichen Idealen der Mensch dabei ist, sich seiner Lebensgrundlagen zu entledigen. Es ließen sich tausende Beispiele für das Versagen der Vernunft und den Trend zur Eskalation aufführen. Ein existenzielles Thema ist die Erderwärmung. Statt weltweit umgehend gegenzusteuern, einigt man sich auf vage Ziele in ferner Zukunft. Bis dahin könnte es zu spät sein und New York unter einem dicken Eispanzer erstarren, so ein mögliches Szenario. Unser Meerwasser-Umwälzsystem ist so schwach wie nie zuvor in den vergangenen 1000 Jahren – mit dramatischen Auswirkungen auf das Klima. Das schreibt Niklas Boers vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Fachmagazin „Nature Climate Change“.
Ist etwa das Wirtschaftswesen, das zu einer Spaltung von Arm und Reich geführt hat, vernünftig? Es fehlt nicht an Analysen und Vorschlägen für eine bessere Welt. Aber was ist Realität? Lesenswert: Tomas Sedlacek, „Die Ökonomie von Gut und Böse“ (Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-42823-2). Sein Buch ist ein faszinierender Gang durch die Welt der Ökonomie - vom Gilgamesch-Epos über das Alte Testament und Adam Smith bis zur Wall Street und zur Wirtschaftskrise. Hier erfahren wir, warum und wie Geld die Welt regiert. Wir schauen weg, wie China sich die ergiebigsten Rohstoffvorkommen der Welt sichert und mit Dumpingpreisen ganze Wirtschaftszweige ruiniert. In zehn Jahren werden wir den Preis dafür zahlen.
Ist es etwa vernünftig, Fortschritte hauptsächlich an der Digitalisierung festzumachen? Wir haben mit der Informatik ein mächtiges Werkzeug in der Hand. Die Entdeckung des Atoms brachte Fluch und Segen zugleich – wie nahezu alle Entdeckungen und Erfindungen. Nie war es leichter, ganze Infrastrukturen durch Cyberattacken lahmzulegen. Bisher traf es hauptsächlich Firmen. Bald werden es Regierungen, Länder, Staaten sein. Kein Strom, kein Wasser, keine Kommunikation, kein Transportwesen. Utopie? Nein! Heraufziehende Realität. Die Verletzlichkeit der Informationsgesellschaft ist Thema von Marc Elsberg: „Blackout – Morgen ist es zu spät“, Pflichtlektüre in der Energiewirtschaft ( ISBN 978-3-442-38029-9).
Ist es etwa vernünftig, wenn Religionen sich zu Gift für die Menschheit entwickeln? Der Islam ist mittlerweile hierzulande Realität. Wir erleben einen Kulturwandel durch Migration, angestachelt von Despoten wie Erdogan, der seine Landsleute auffordert, viele Kinder zu produzieren, um den türkischen Einfluss zu stärken und seine Botschaften über die Freitagsgebete in den Moscheen überbringen lässt. Lesenswert: Constatin Schreiber, „Inside Islam, Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird“ ( Ullstein Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-548-37766-7). Wenn ich den Islam als radikal-rückwärtsgewandten Religion betrachte, darf auch die katholische Kirche nicht fehlen. Während der Islam sich ausbreitet, sieht sich die katholische Kirche mit ihren Skandalen mit einem dramatischen Mitgliederschwund konfrontiert, zunehmend auch durch die Konkurrenz von an die dreißig nennenswerten Religionen und Psychosekten in Deutschland. Für die überlieferte Leibfeindlichkeit und Sexualitätsfeindlichkeit des klassisch Katholischen ist in unserer Welt kein Platz mehr. Haben Kondomverbot (jede Stunde stecken sich laut Unicef weltweit 26 Menschen mit dem HI-Virus an), Zölibat (auch Priester und Nonnen werden mit ihrem Gelübte nicht zu geschlechtslosen Wesen), Frauenfeindlichkeit und Dogmen hinsichtlich Ehesakrament, Sexualmoral, Sexualethik und Homosexualität etwas mit Vernunft zu tun? In all diesen Fragen muss eine Balance zwischen den Grundsätzen der Glaubenslehre und naturgewollten menschlichen Bestimmungen gefunden werden.
Ist es etwa vernünftig, wenn die Menschen an ihrem Wohlstand ersticken, weil sie zunehmend Substanzen in sich hineinstopfen, die das Gegenteil von Lebensmitteln – Mittel zum Leben – sind. Die Regierungen sind gegenüber den Lobbyisten mit ihren Totschlagargumenten Arbeitsplätze etc. offenbar machtlos.
Die Welt funktioniert nun mal nicht nach humanistischen Idealen. Diese Illusion hat uns der Lauf der Geschichte geraubt, und die Gegenwart lässt uns nachgerade verzweifeln. Wir können den Niedergang der Geisteswissenschaften beklagen. Doch ungleich verheerender in den Auswirkungen ist die Tatsache, dass selbst ein so reiches Land wie die U.S.A. nicht in der Lage ist, allen Bevölkerungsschichten eine solide Bildungsgrundlage einschließlich ethischer Grundwerte zu vermitteln, mit dem Erfolg, dass über die Hälfte der Stimmberechtigen einen Donald Trump zum Präsidenten wählte. Auch hierzulande öffnet sich nicht nur die Schere zwischen materiell arm und reich, auch auf dem Gebiet der Bildung müssen wir ein Auseinanderdriften der Gesellschaft beklagen. Gelingt es uns nicht, allen Bildbaren eine solide Bildung – auch Herzensbildung – angedeihen zu lassen, gerät unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung in Gefahr. Eine Rückbesinnung auf unser reiches kulturelles literarisches Erbe könnte eine Initialzündung sein.
Wäre Bildung alleine tatsächlich ein Lösungsansatz? Vergessen wir nicht den steigenden Prozentsatz schwer- oder gar unbeschulbarer Kinder und den nicht unerheblichen Bevölkerungsanteil an bildungsunwilligen, bildungsunfähigen bzw. nur eingeschränkt bildbaren Menschen. Nicht zu vergessen, archaische, männerdominierte Sozialstrukturen, die Bildung für Mädchen und Frauen nach wie vor mit allen Mitteln zu verhindern suchen. Hier haben wir es mit Menschen zu tun, die sich noch am besten über den Glauben erreichen ließen. Das war sicher nicht Herders Idee bei seinen Ausführungen über Vernunft und Glauben, aber vielleicht ein vernünftiger Weg. Am Ende des Tages müssen wir mit der Erkenntnis leben, dass wir Leute, die gegen alles sind, nicht bekehren können. Bleibt uns die Chance, mit Hilfe Gleichgesinnter Einfluss auf die große Zahl Unentschlossener zu nehmen, um sowohl bei der Vernunft als auch bei der Bildung etwas zu bewegen. Wir müssen damit aufhören, dass es klüger ist, nachzugeben. Genau das Gegenteil brauchen wir!
Zum Schluss eine Bitte, beim dritten Band eine kurze Vorstellung des Autors einzuflechten.

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